Terra Vecchia – Ein Erlebnisbericht
Einige Steinhäuser, eine schlichte Kirche, ein roter Baukran, eingebettet in die dichten Wälder des Centovalli im Kanton Tessin. So könnte eine Kurzbeschreibung von Terra Vecchia lauten – auf den ersten Blick betrachtet.
Im Juli 2014 durfte ich diesen Ort während einer Woche näher kennen lernen. In einem der zahlreichen Täler des Centovalli, zwischen Bordei und Rasa, liegt dieses ausschliesslich zu Fuss zugängliche Dorf. Während mehr als hundert Jahren lag es in Ruinen, nun wird es wieder aufgebaut.
In einer sogenannten „ora et labora-Woche“ habe ich in Gemeinschaft mit zehn Personen dort gelebt. Die Tage waren geprägt von einem klosterähnlichen Rhythmus wie ihn der Heilige Benedikt ins Leben gerufen hat. Beginnend mit dem Morgengebet in der einfachen Kirche startete jeder Tag. Beim anschliessenden Frühstück haben wir die anstehenden Arbeiten im und rund ums Dorf besprochen und verteilt. So galt es beispielsweise die steilen Wiesen zu pflegen, Steinmauern herzurichten, Unkraut zu jäten oder Holz zum Kochen und Heizen bereit zu stellen. Je nach Art der Arbeit arbeiteten wir alleine oder in Gruppen. Täglich gab es auch Verantwortliche für die Zubereitung der einfachen Mahlzeiten.
Wie habe ich es täglich als Geschenk empfunden, nach getaner Arbeit hungrig an den gedeckten Tisch sitzen zu dürfen!
Der Nachmittag war jeweils zur freien Verfügung. Zeit für eine Siesta, für eine Erkundungs-tour im nahe gelegenen Bach, Zeit, ein Buch zu lesen, zu musizieren, im Tagebuch zu schreiben oder die Wolken zu beobachten… freie Zeit eben. Am frühen Abend trafen wir uns jeweils zur Singprobe. Vierstimmig übten wir kurze Lieder, meist aus dem reichen Liederschatz von Taizé. Dieser Gesang war Teil unserer täglichen Gebete und verlieh ihnen einen festlich-besinnlich-beschwingten Charakter.
Wie habe ich die Gemeinschaft in den vereinten Frauen- und Männerstimmen als wohltuend, verbindend und berührend empfunden!
Nach dem Abendessen sassen wir jeweils zu einem Austausch beisammen. Anhand der thematischen Leitlinie „Die Schönheit wird die Welt erlösen“ (Zitat von F. Dostojewski) führten die Gespräche zu einem regen Austausch – mal mit einer philosophischen, mal mit einer religiösen, immer mal wieder mit einer humorvollen Note. Der Begriff der Schönheit wurde während dieser Woche sehr facettenreich beleuchtet und gewann im Austausch, im Gebet und in der Stille an Tiefe. Auch öffneten die Diskussionen in der Gemeinschaft die Türen für weiterführende Gespräche im Verlauf der Tage. Dies ermöglichte es mir, Menschen auf einer zutiefst persönlichen Ebene zu begegnen, wie es im Alltag oft nicht möglich ist.
Wie habe ich Terra Vecchia als Nährboden für meine Seele erlebt!
Dankbar und in Verbundenheit mit allen Menschen, denen ich an diesem Ort begegnen durfte.
Martin
Verschiedene Impressionen des Jahres 2014
Ovigo oder Ovic ist ein kleines Ruinen-Dorf an der nördlichen Flanke von Rasa. Wir haben es auf unserer Samstags-Wanderung in der ersten ‚Ora et labora‘ – Woche besucht und eine Vorstellung gewonnen, wie Terra Vecchia vor dem Wiederaufbau ausgesehen haben musste.
Dreistöckige Ruinen, umgeben von uralten Kastanien lassen einem eintauchen in eine geheimnisumwobene Geschichte. Wie haben nur die Menschen damals gelebt, sich ernährt, den Winter überstanden?
Wann sind sie ausgezogen?
Warum?
Wohin?…
Als kleine Gruppe verbringen wir die ersten Maitage in Terra Vecchia. „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“ – biblische Texte aus dem Johannesevangelium begleiten uns. Auch das Wetter orientiert sich an biblischen Texten: Ströme von lebendigem Wasser brechen hervor…
Die Melezza ist zum Fluss geworden

Trotz reichlich Wasser von oben lässt sich der Frühling nicht aufhalten, überall bricht neues Leben hervor und die Vögel singen mit uns um die Wette.
Bilder: Rolf
Text: Ursula






































