

Fotos: Josef Moser
Mit Tagebuch-Texten von Etty Hillesum

«Ich werde dir eines versprechen, Gott, aber nur eine Kleinigkeit: Ich werde meine Sorgen um die Zukunft nicht wie beschwerende Gewichte an die Gegenwart hängen, aber das erfordert ein gewisses Mass an Übung. Jetzt ist jeder Tag an sich schon schwer genug.»
Etty Hillesum
Zehn Frauen trafen sich Anfang September 2024 in der Casa Convento zu einer Frauenwoche mit Texten von Etty Hillesum ( 1914 Middelburg/NL – 1943 Auschwitz). Schon am ersten Abend entstand ein lebhafter Austausch über das bis dahin Bekannte aus dem Leben und Wirken Etty Hillesums. Unser Wissen vertiefte sich nun von Tag zu Tag, indem wir uns ihre Tagebuch-Texte gegenseitig vorlasen. Wir liessen uns dabei thematisch führen von einem Büchlein (von Pierre Ferrière SJ und Isabelle Meeus-Michils), das dazu einlädt, Etty Hillesums Gedanken auf unsere eigenen Lebenserfahrungen zu beziehen.
«Ich werde dir helfen, Gott, dass du nicht in mir zugrunde gehst, aber ich kann im Voraus für nichts garantieren. Aber eines wird mir immer klarer: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns selbst. Und das ist das Einzige, was wir in dieser Zeit bewahren können, und auch das Einzige, auf das es ankommt: ein kleines Stück von dir in uns selbst, Gott.»
Etty Hillesum
Das Vorlesen mündete jeweils in einen regen Austausch. Etty Hillesums psychologische und spirituelle Entfaltung und ihr mutiges Handeln wurden so in ganz persönlicher Weise von uns reflektiert: die Gedanken über ihre Liebesbeziehungen, ihre Suche nach einem inneren Gegenüber, die mehr und mehr zu einem Dialog mit Gott wird, ihr Ringen ums Schreiben und Worte-Finden, ihre Erfahrungen im Begleiten von anderen Menschen und immer wieder die Fassungslosigkeit angesichts des brutalen, schrittweisen Auslöschens jüdischen Lebens in Europa – Es hat uns aufgewühlt und tief berührt.
Die Portraits, die wir ausgelegt hatten, sorgten dafür, dass Etty Hillesum wirklich «in unserer Mitte» war und ein «Wörtchen mitredete» – wie sie es sich für die Zeit nach dem Krieg so sehr gewünscht hatte.
Das gewählte Thema war keineswegs ein leichtes, gleichwohl glaube ich sagen zu dürfen, dass wir uns mit grosser Offenheit darauf eingelassen haben, was uns schliesslich alle sehr bereichert hat.
Mit ebenso grosser Aufgeschlossenheit genossen wir in dieser Woche unsere Frauen-Gemeinschaft – beim gemeinsamen Kochen (unter wunderbarer Anleitung von Edith, die uns alle von ihren tollen vegetarischen Rezepten begeisterte), dem gemeinsamen Werkeln in Haus und Garten und dem schönen mehrstimmigen Singen, dem Beten und Schweigen in der Kirche.
Beschenkt waren wir natürlich auch durch den schönen Ort sowie durch jegliches Wetter, z.B. durch die lauen Sommerabende, einen Regenbogen über das ganze Centovalli am frühen Morgen, eine Neumondnacht mit unglaublichem Sternenhimmel und sichtbarer Milchstrasse, aber auch durch Gewitter, Sturm und Regen.
Ein grosses Dankeschön an die Verantwortlichen für diese schöne Woche!
«Das kleinste Atom an Hass, das dieser Welt hinzugefügt wird, macht sie noch unwirtlicher, als sie bereits ist. (…) Ich erachte es als unsere einzige moralische Pflicht, in uns selbst weite Lichtungen des Friedens zu schaffen und diese nach und nach auszuweiten, bis dieser Friede auf andere ausstrahlt; denn je mehr in den Menschen der Friede herrscht, desto mehr Frieden wird es auch in dieser Welt voller Aufruhr geben.»
Etty Hillesum
Es waren Frauen aus der Schweiz, Deutschland, Dänemark und Schweiz-Ungarn; die weiteste Anreise hatte eine Teilnehmerin aus der Nähe von Marburg (Hessen), die kürzeste Anreise hatte eine Teilnehmerin aus Cavigliano (3 Bahnstationen vor Verdasio); die Hälfte der Teilnehmerinnen war erstmals in der Casa Convento; alle möchten gerne wiederkommen.
Text: Friederike Rüger, Fotos: Irmgard Keltsch und andere